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NWZ Göppingen

Rotes Kreuz bildet Therapiehunde aus

Das Rote Kreuz hat noch kaum Therapiehunde. Das ändert sich nun: In Göppingen lief jetzt der landesweit erste Lehrgang der Hilfsorganisation. Dafür braucht man Hunde mit guten Nerven.   Jürgen Schäfer | 15.08.2014

Wir spielen jetzt mal Tierarzt." Elvira Reinmüller bittet zum Eingangstest, von dem einiges abhängt. Ob die Tiere das spüren? Tschocky* ist die Ruhe selbst. Er ist ein ausgebildeter Rettungshund, prüfungs- und trainingserprobt. Geduldig lässt er sich von der zierlichen Frau betasten, die er an diesem Tag zum ersten Mal sieht: am Kopf, an den Lefzen, in den Ohren, an den Pfoten.

Dicker Minuspunkt für Brummbär*. Der Berner Sennerhund knurrt, als die Hände der Prüferin bei seinen Pfoten angelangt ist. Die Besitzerin klärt auf: "Bei den Pfoten ist er allergisch, er hat beim Tierarzt schon ungute Erlebnisse gehabt." Elvira Reinmüller gefällt das nicht. "Das darf nicht passieren. Wir gehen in Altenheime, wir gehen in Kindergärten." Da muss ein Therapiehund ruhig bleiben, wenn die Menschen ihn streicheln und herzen, als wäre er ein Teddybär.

Wie reagiert der Hund auf andere Hunde? Das zeigt sich beim nächsten Test. Zwei Hundeteams begegnen sich, bleiben beieinander stehen, die Hunde sollen sich möglichst ignorieren. Billy* lässt sich zu einem Begrüßungs-Bellen hinreißen. Das darf noch sein. Joscha* geht neugierig auf den reservierten Tschocky zu, beschnuppert ihn. Sie ist auch sonst lebhaft und für den Geschmack der Prüferin ein bisschen arg unruhig.

Koko* ist tapfer. Er widersteht fast allen Leckerlis, die ihm da eine Prüfergruppe in einer Gasse hinhält. Er ist schon beim letzten angelangt, da greift er doch noch zu. Seine Besitzerin Beate Schradl* lacht verständnisvoll, die Prüferin nimmts gelassen. Da muss Koko* halt noch üben. Stresstest. Der Hund wird zu einem fremden Menschen geführt und mit ihm allein gelassen. Da sitzt er nun und wartet, bis Herrchen oder Frauchen zurückkommt. Hält er das aus?

Ein Therapiehund muss nicht nur ein stabiles Nervenkostüm haben, erläutert Ausbilderin Heidi Stehle aus Kuchen. "Er muss sehr menschenbezogen sein, sich gerne streicheln lassen und dieses nicht nur dulden." Wichtig ist auch ein guter Grundgehorsam und freundliches Verhalten gegenüber anderen Hunden. Kandidatin Nina Schuelein* hat für sich die Formel gefunden: "Die wollen den gechillten Hund." Das weiß sie schon von dem Informationstreffen, das vorausgegangen ist.

Der Innenhof am DRK-Gebäude an der Heininger Straße wirkt wie ein großer Wartesaal. Zwölf Hundefreunde bilden Grüppchen und sind mit ihren Hunden beschäftigt. Sie kommen aus dem ganzen Kreis und darüber hinaus, aus Gerstetten, Amstetten, Schorndorf. Ihre soziale Einstellung hat sie hierher geführt. Manche sind schon sozial engagiert oder haben einen sozialen Beruf. Wie Evelyn Widura* aus Geislingen, die mit ihrer Konja* behinderten Kindern eine Freude machen will. Beate Schradl* aus Salach hat durch Zufall von diesem Kurs erfahren und gedacht: "Das ist es." Manfred Lönss* will im Ruhestand etwas Soziales machen. Für ihn und Thekla* würde das passen, findet er. Was alle antreibt: Nina Schuelein* nennt es "das Leuchten in den Augen von Menschen, die sich nicht mehr helfen können". Ihr Hund ließe ihr auch keine Wahl. "Er ist so ein Strahlemann", schwärmt sie, "er wirkt bei Menschen, die nicht genug Freude haben." Das mag auch daran liegen, dass Billy* ein Collie ist. Alle sehen in ihm Lassie, den Fernsehhund.

Nach 13 Prüfungspunkten die Überraschung: Sechs Kandidaten scheiden nach dem Eingangstest aus. Das hat vielfältige Gründe. Mal ist der Hund doch nicht geeignet, mal gibt es medizinische Vorbehalte, mal stimmt das Klima zwischen Hund und Hundeführer nicht. Auf Letzteren kommt es genauso an, sagt Ausbildungsleiterin Stehle. "Er muss ein gutes Team mit seinem Hund bilden, kontaktfreudig, teamfähig und psychisch belastbar sein." Das Ergebnis heißt auch: Fünf Frauen und ein Mann machen weiter - das Therapiehunde-Engagement ist eine weibliche Domäne.

Normalerweise haben drei Viertel bestanden, weiß Elvira Reinmüller. Das ist ihre Bilanz aus 120 Hundetests. Sie ist aus Hessen angereist, wo die Therapiehunde-Ausbildung schon etabliert ist. In Hessen hat auch Heidi Stehle ihre Ausbildung gemacht und sich zur Ausbilderin qualifiziert, als Einzige des DRK inganz Baden-Württemberg. Sie bringt nun den ersten Kurs in ihren Heimatbezirk, dank ihr ist der Kreisverband Vorreiter im Land. Sie kommt aus der Rettungshundestaffel des DRK, wie Elvira Reinmüller auch, und hat schon zwei Mitstreiterinnen ihrer Staffel mitgezogen, die auch nach Hessen gingen und jetzt an dem Kurs in Göppingen mitwirken. Ramona L., die mit Lacky regelmäßig eine Demenzgruppe in Salach besucht und in Kindergärten Kinder mit Hunden vertraut macht, während Doris B. mit Sanchez Freude in den Alltag von Bewohnern des DRK-Seniorenzentrums in Hattenhofen bringt. Sie sind die derzeit einzigen Therapiehundeteams im Land, Heidi Stehle hat gerade keinen ausgebildeten Hund.

Die Eingangsprüfung ist die große Klippe. Aber auch die Ausbildung hat es in sich. Die Stressfähigkeit des Hundes wird trainiert. Er wird in einem Raum mit Menschen konfrontiert, die laut werden oder bedrohlich auf ihn zukommen. "Das kann in Behindertenheimen vorkommen", weiß Doris B. Der Hund darf dann ausweichen, aber nicht nach vorne, und er darf nicht aggressiv werden - das ist die oberste Regel.

Sieht aus wie ein Zügel, heißt aber Leine. Trainiert wird auch die "Rollstuhletikette". Ein Therapiehund muss einen Rollstuhlfahrer begleiten können, und dazu muss er komplett umlernen. Er ist es gewohnt, bei Fuß zu bleiben, soll jetzt aber neben dem Gefährt laufen. Das irritiert die Hunde sichtlich. Zur Hilfestellung werden sie an zwei Leinen genommen. Die eine hält Rollstuhlfahrer Christoph Tschirnek*, der sich für die Übungen gerne zur Verfügung stellt. Er dreht mit den Hunden viele Runden auf dem Innenhof. Tipp der Ausbilderin an ihre Schüler: "Das kann man mit einem Einkaufswagen trainieren."

Die Teilnehmer sehen Fortschritte, Helferin Doris B. lobt die "tollen Teams". Nora Beetz* hat ein neues Gefühl zu ihrem Hund entwickelt. "Die Beziehung wächst."

Das zweite Ausbildungswochenende bringt schon die Orientierungsphase. Wo wollen die Hundeführer aktiv werden? Sie gehen als Hospitanten ins Seniorenheim und lernen dort, wie Hunde auf alte Menschen zugehen können. Sie üben mit Kindern und Jugendlichen. Nina Schuelein* ist verblüfft, wie anstrengend der Einsatz für einen Hund sein kann. "Der ist schnell erschöpft", sagt sie, "nach gefühlt 15 Minuten."

Das zweite Ausbildungswochenende bringt schon die Orientierungsphase. Wo wollen die Hundeführer aktiv werden? Sie gehen als Hospitanten ins Seniorenheim und lernen dort, wie Hunde auf alte Menschen zugehen können. Sie üben mit Kindern und Jugendlichen. Nina Schuelein* ist verblüfft, wie anstrengend der Einsatz für einen Hund sein kann. "Der ist schnell erschöpft", sagt sie, "nach gefühlt 15 Minuten."